DSAG und Bitkom: "Know-how zur Digitalisierung wird zum Standortfaktor"

Know-how zur Digitalisierung wird zum Standortfaktor

Die Digitalisierung stellt Unternehmen vor Herausforderungen. Dennoch ist sie für den Standort Deutschland das Beste, was passieren kann – wenn gewisse Voraussetzungen geschaffen werden. Welche das sind und wie sich Verbände wie Bitkom und DSAG in diesem Zusammenhang positionieren müssen, erläutern DSAG-Geschäftsführer Mario Günter und Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder.

Dr. Mario Günter, DSAG-Geschäftsführer Dr. Mario Günter, DSAG-Geschäftsführer  Bernhard Rohleder, Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder, Bitkom-Geschäftsführer

Die Digitalisierung und Automatisierung der Arbeitsprozesse verändert alle Industrien. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Mario Günter: Das sind wettbewerbsentscheidende Entwicklungen, denen sich kein Unternehmen verwehren darf. Unternehmen sollten diesen Druck von außen nutzen, und sich in Frage stellen. Fakt ist: Sie müssen innovieren, um nicht stillzustehen und dem Wettbewerb standzuhalten. Durch die mit der Digitalisierung fortschreitende Automatisierung von Arbeitsprozessen werden an der einen oder anderen Stelle Arbeitsplätze wegfallen und neue entstehen, sodass sich gut qualifizierte Kräfte auch in einer Welt autonomer Arbeitsprozesse wiederfinden werden. Hinsichtlich der Zukunft weniger qualifizierter Kräfte müssen wir uns als Gesellschaft, vor allem aber auch seitens Politik und Industrie, Gedanken machen.

Bernhard Rohleder: Ich sehe die Entwicklung positiv. Wir sind in Deutschland ein ressourcenarmer Standort. Die Digitalisierung ist das Beste, was uns passieren kann – wenn es gelingt, die Kompetenz, die wir brauchen, hier anzusiedeln. Es geht nicht mehr um Rohstoffe und große Maschinenparks, sondern um die klügsten und digital kompetentesten Köpfe.

Oft wird kritisiert, dass Deutschland bei digitaler Ausbildung und IT-Bildung nicht weit genug ist. Wer ist gefordert?

Rohleder: In erster Linie ist die Politik gefordert. Doch wir haben eine Verhinderungsmacht installiert, die erst überwunden werden muss. Bildung ist laut Verfassung Ländersache, weshalb wir Bildungspolitik vom Kirchturm aus betreiben. Niemand kann erklären, weshalb ein Bremer Schüler andere Kompetenzen braucht als ein Schüler in Bayern. Der Bildungsförderalismus ist ein absoluter Anachronismus. Zweitens muss die Frage geklärt werden, wie die Wirtschaft jene Lücken füllen kann, die der Staat im Bildungssektor lässt.

Günter: Ein guter Ansatz für gemeinsames Agieren von Industrie und Bildung ist z. B. das duale Studium. In der Industrie können vermehrt Angebote geschaffen werden, um für Studenten und Schüler Anknüpfungspunkte zu schaffen und ihnen Know-how in der Praxis zu vermitteln. Anreize hierfür kann die Politik geben. Sowohl die Industrie als auch das Bildungssystem sind gefordert. Sie müssen gemeinsam handeln. Schon in der Grundschule muss in digitale Bildung investiert werden – und zwar nicht nur hinsichtlich der Ausstattung. Es werden Lehrkräfte benötigt, die digitale Bildung vermitteln können und wollen.

Welche Rolle kommt Verbänden wie dem Bitkom und der DSAG hier künftig zu?

Rohleder: Als Bitkom haben wir z. B. das Programm „Erlebe IT“, mit dem wir Schulen besuchen und dort eine Art „digitalen Crash-Kurs“ anbieten. Mit der Bitkom-Akademie bieten wir Mikro-Zertifikate und Nano Degrees an und bilden z. B. Data Scientists und KI-Manager aus. Doch trotz aller Aktivitäten, die wir vorantreiben, darf sich die staatliche Bildungspolitik nicht aus der Verantwortung stehlen.

Günter: Als DSAG bieten wir klassische Weiterbildungskooperationen. Doch wir wollen früher ansetzen. Unter der Dachmarke „DSAG-Academy“ wollen wir künftig auch verstärkt auf Kooperationen mit Hochschulen setzen. Wir möchten als Verband eine Verzahnung von Industrie und Hochschulen erreichen, damit Absolventen in den Hochschulen tatsächlich das Rüstzeug erhalten, das sie für einen erfolgreichen Start ins Berufsleben benötigen.

Welche Rolle werden neue Technologien künftig für die Mitgliedsunternehmen der Verbände spielen und was müssen Verbände im Hinblick darauf leisten?

Günter: Kunden und Hersteller sind heute von den sich ändernden Rahmenbedingungen gleichermaßen betroffen. Digitalisierung bietet somit eine Chance, um Co-Innovation auf ein neues Level der Zusammenarbeit zu heben. Dies ist eine gute Ausgangsbasis für unsere Zusammenarbeit mit SAP.

Rohleder: Zwei Drittel der Informatiker in Deutschland arbeiten nicht mehr in der IT- und Telekommunikationsindustrie, sondern betreiben IT-Wertschöpfung in anderen Branchen. Diese Branchensektoren lösen sich derzeit auf. Die Digitalisierung bedeutet mittelfristig ein Ende der traditionellen Verbandslandschaft. Dementsprechend mussten wir uns strategisch neu ausrichten zu einem Digitalverband.

Günter: Diese Entwicklung hat auch zur Folge, dass Unternehmen selbst massiv Know-how aufbauen. Deshalb müssen Verbände jetzt mehr bieten und ihre Themen kontinuierlich auf Relevanz und Aktualität in den Unternehmen prüfen. Durch Kooperationen können sie sich gegenseitig stärken – vor allem, wenn die Schnittmenge an Mitgliedsfirmen hoch ist. 

Welche Trends werden darüber hinaus künftig in der IT an Bedeutung gewinnen?

Günter: Ich sehe in künstlicher Intelligenz verbunden mit Sprachsteuerung einen großen Trend. Doch Unternehmen müssen auch mit den Folgen umgehen können. KI-Systeme können autonome Systeme hervorrufen, weshalb zwangsläufig eine gesellschaftliche Diskussion um den gewollten Wirkungsgrad künstlicher Intelligenz folgen muss. Zumindest müssen regulatorische Rahmenbedingungen von staatlicher Seite die technologischen Möglichkeiten begleiten. SAP ist hier mit der Einberufung eines Ethikrats vorangegangen.

Rohleder: Neben KI sehen wir Blockchain, Virtual Reality, 3D-Druck und IoT als große Trends. Insbesondere Virtual Reality wird noch unterschätzt. Mit ihr werden irgendwann ganze Entwicklungs- und Produktionsschritte überflüssig, sie wird Medizin und Medien revolutionieren. Ein weiteres Anwendungsfeld ist der Tourismus. Wir werden Center haben, in denen wir virtuelle Reisen unternehmen können. Jeder vierte Deutsche kann sich schon jetzt vorstellen, ein virtuelles Reise-Center zu besuchen, so wie er heute in einen Vergnügungspark fährt. Solche Themen führen dazu, dass sich immer neue Verbände bilden – z. B. für Künstliche Intelligenz oder Blockchain. Für etablierte Verbände gilt es, solche Themen früh, schnell und gut zu besetzen.

Wie beurteilen Sie die Berufung des Digitalrats der Bundesregierung?

Rohleder: Wir begrüßen, dass es den Digitalrat gibt. Er ist gut zusammengesetzt mit einer sehr breit gefächerten Kompetenz. Insofern sehen wir hier einen guten Ansatz, die vorhandenen Konzepte weiterzuentwickeln.

Günter: Auch wir sehen den Digitalrat positiv. Insgesamt stellt sich jedoch die Frage, ob die Industrie wirklich stark genug innerhalb des Gremiums vertreten ist, damit dieses tatsächlich dort ansetzt, wo es auch notwendig ist.

Rohleder: Das wird sich zeigen müssen. Wir erwarten vom Digitalrat vor allem Impulse, die für eine Beschleunigung sorgen. Denn wir bewegen uns langsamer als die meisten Länder, mit denen wir im Wettbewerb stehen.

Günter: Genau das ist es: Die Digitalisierung kann für Deutschland zum Standortfaktor werden. Doch dafür müssen zunächst die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden. Einfluss können wir als Verbände insofern nehmen, dass wir unsere Stimmen gegenüber der Politik bündeln.
 

Vielen Dank für das Gespräch!

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