Neuer DSAG-Vorstand in Österreich: „Das Gespür für den Bestandskundenmarkt ist wichtig“

Walter Schinnerer, Leiter des SAP-Kompetenzzentrums der IT-Services der Sozialversicherung GmbH, ist seit Oktober 2018 neuer DSAG-Vorstand für Österreich. Im Interview gibt er Einblicke in seine Beweggründe, sich in der DSAG zu engagieren und seine Motivation, als Vorstand aktiv zu werden. Zudem spricht er über die Forderungen der DSAG in Österreich und die Themen, die ihm im Zusammenhang mit SAP am Herzen liegen.
 

Wann wurden Sie DSAG-Mitglied und warum?
Ich wurde im Jahr 2000 durch den ehemaligen SAP-Mitarbeiter Karl-Heinz Hofmann auf die DSAG aufmerksam. Er hatte damals die Idee, die kurz zuvor eingerichtete österreichische Usergruppe CCC Austria-Forum in die DSAG einzugliedern. Der Reiz der DSAG war und ist für mich, gemeinsam mit anderen Anwendern SAP-Software zu verbessern und die Zusammenarbeit mit SAP im Sinne der Anwender zu optimieren.

Warum haben Sie sich für das Amt des DSAG-Vorstands in Österreich zur Wahl gestellt?
Als langjähriges aktives DSAG-Mitglied und in meiner Rolle als Sprecher der Arbeitsgruppe CCC Service & Support in Österreich reizt mich vor allem die Möglichkeit zur Einflussnahme. Durch das Vorstandsamt erhoffe ich mir, aktiver auf die Zusammenarbeit mit SAP einwirken zu können.

Für welche Themen werden Sie künftig stehen und wie möchten Sie diese vorantreiben?
Zum einen möchte ich erreichen, dass das Customer Center of Expertise-Programm (CCoE-Programm) fortgeführt und erweitert wird. Ich bin überzeugt, dass SAP-Lösungen auch in einem hybriden SAP-Cloud-Umfeld ohne ein CCoE nicht reibungsfrei und qualitativ-hochwertig betrieben werden können. Zum anderen gehört die effektive und effiziente Verwendung der SAP-Produkte wie die Nutzung des SAP Solution Managers zu meinen Anliegen als Mitglied des DSAG-Vorstands. Darüber hinaus setze ich mich als langjähriger Bestandskunde dafür ein, dass SAP dem On-Premise-Bestandsmarkt einen sicheren und soliden Übergangspfad von der „alten“ in die „neue“ Welt bereitstellt. Einen Pfad, der von Kunden mit gutem Gewissen und wirtschaftlich vertretbar beschritten werden kann. SAP gibt hier ein zu rasches Tempo vor und scheint das Gespür für den Bestandskundenmarkt etwas verloren zu haben.

Bei welchen Themen sehen Sie seitens SAP noch Optimierungs- bzw. Handlungspotenzial?
Ich wünsche mir, dass sich SAP wieder auf die individuellen Herausforderungen der Kunden konzentriert. Weniger Tempo, aber dafür mehr Kundenverständnis und Marktgespür wären sinnvoll. Konkret könnte das bei den angebotenen Lösungen ein „Weniger ist mehr“ bedeuten und bei der vorgelebten Cloud-first-Strategie ein „Wir akzeptieren auch eine langfristige Entscheidung für On-Premise“. Ich wünsche mir eine nachvollziehbare und auf das Tempo des Markts abgestimmte bzw. auf den individuellen Kunden angepasste Transformations-Roadmap auf S/4HANA. SAP muss die lokalen CCoEs darin unterstützen, den Umstieg auf S/4HANA möglichst eigenständig und kostengünstig durchführen zu können – einen guten Anfang hat SAP hier mit dem S/4HANA-Adoption-Starter-Programm schon gemacht.

Laut DSAG-Umfrage schätzen sich immerhin 39 Prozent der österreichischen Unternehmen weit bis sehr weit bei der Digitalen Transformation ein. Allerdings ist die Zahl derer, die bereits S/4HANA, also den von SAP angebotenen digitalen Kern im Einsatz haben, noch sehr überschaubar. Wieso sind die österreichischen Unternehmen hier so zurückhaltend?
Ich beantworte das gerne mit folgendem Beispiel: Ein Kunde betreibt ein SAP ERP ECC 6.0 mit rund 90 Prozent Wartungsanteil und zehn, manchmal fünf Prozent Weiterentwicklungsanteil. Das System läuft performant und entspricht den Anforderungen des Fachbereichs. Wesentliche Teile des SAP ERP wurden für die speziellen Kundenbedürfnisse angepasst und mit Coding im Kundennamensraum erweitert. Er betreibt die SAP-Lösung im eigenen Rechenzentrum und möchte, bzw. kann auch nicht in die Public Cloud wechseln. Warum sollte dieser Kunde aktuell auf S/4HANA umsteigen? Warum sollte er nochmal rund 15 Prozent für die zusätzlichen HANA-Lizenzen und mehrere Tausend Euro für ein Migrations-Projekt bereitstellen? Welche Argumente sprechen dafür bereits jetzt auf S/4HANA umzusteigen – ist nicht 2023 noch früh genug? Und für mich stellt sich auch grundsätzlich die Frage, ob die wesentlichen Elemente und Services, die Unternehmen für die digitale Transformation benötigen wirklich in den SAP-Produkten liegen. In den meisten Fällen ist die SAP-Software im Umfeld des digitalen Wandels ja nur ein Player von vielen

Wie müsste aus Ihrer Sicht SAP die Anwender auf dem Weg zu S/4HANA unterstützen?
Aus SAP-Sicht stehen die notwendigen Services und Produkte bereit, um die digitale Transformation zu bewältigen. Jetzt gilt es, den Kunden die Zeit einzuräumen, die sie benötigen, um den Umstieg in die neue SAP-Lösungswelt in ihrem Tempo gehen zu können. SAP sollte sich die Frage stellen, ob die Kunden tatsächlich ausreichende Informationen haben, um die Auswirkungen und Kosten, die ein Einsatz von S/4HANA verursacht, wirklich abschätzen zu können. Eine wesentliche Unterstützung wäre ein klares und transparentes Lizenzmodell

Welche Rolle müsste die DSAG spielen?
Die DSAG ist Interaktions- und Austausch-Plattform für SAP-Anwender, sowohl untereinander, als auch als Sparringspartner für SAP. Die DSAG stellt ihren Mitgliedern gewonnene Erkenntnisse und Informationen zur Verfügung – mit dem Mut, auch begangene Fehler bzw. entdeckte Stolpersteine sowie gelungene Umsetzungen als best practises innerhalb der Community auszutauschen.

Wichtigstes Thema vor dem Hintergrund der Digitalen Transformation ist laut DSAG-Umfrage für die Anwenderunternehmen der Aufbau digitaler Skills. Wie beurteilen Sie dieses Ergebnis und was muss die DSAG hier leisten?
Nicht nur die DSAG muss hier tätig werden. Gemeinsam mit SAP sollten Ausbildungs- und Schulungsmaßnahmen erarbeitet werden. Eine kunden- und branchenübergreifende Betrachtung kann hier sehr nützlich sein. Musterhafte Ausbildungspläne und einheitliche Ausbildungs- bzw. Qualitätsstandards für die Mitarbeiter sind nur zwei mögliche Ergebnisse.

Die Strategie von SAP ist eindeutig: Cloud first. Wie beurteilen Sie den Weg von SAP aus Sicht der österreichischen Anwender und welche Herausforderungen gehen damit für die Anwender einher?
Ich sehe es kritisch, dass SAP derzeit die Cloud-Lösungen priorisiert. Meine Sorge ist, dass darunter die Qualität der schon heute eingesetzten SAP-Produkte leidet und sich dann der eine oder andere statt die SAP-Cloud-Lösungen einzusetzen, ganz von SAP löst. SAP wäre gut beraten, ergänzend zur Cloud-first-Strategie auch schnellstmöglich eine Garantie zum langjährigen Bestand der On-Premise-Produkte unter Beibehaltung des aktuellen Produktumfanges abzugeben.

Was muss passieren, damit Sicherheitsbedenken beispielsweise beim Thema Cloud und Plattformen nicht zum Innovations-Stopper für die DSAG-Mitgliedsunternehmen werden?
Ein erster Schritt könnte sein, dass SAP und DSAG hier gemeinsam tätig werden. So, wie es schon einmal der Fall war, als SAP den neuen EU-Access-Service etabliert hat, der dazu beiträgt, dass die Daten, die sich in SAP-Rechenzentren in Europa befinden, ausschließlich in Europa verfügbar sind. Beispielsweise könnten Richtlinien, Standard oder Leitfäden erarbeitet werden zum Einsatz von Cloud-Lösungen bzw. der SAP Cloud Platform. Gleichermaßen könnten dazu eigene Webinare im DSAGNet aufgesetzt werden.

Zur Person
Walter Schinnerer ist seit mehr als 30 Jahren bei der Wiener Gebietskrankenkasse bzw. der IT-Services der Sozialversicherung GmbH (kurz ITSV) in unterschiedlichen Führungsrollen in der Finanzabteilung bzw. im Informatik-Umfeld beschäftigt. Seit mehr als 25 Jahren und seit 2004 in leitender Funktion begleitet der gelernte Finanzbuchhalter die Geschicke des SAP-Kompetenzzentrums der österreichischen Sozialversicherungsträger. Das Kompetenzzentrum betreut alle SAP-Anwendungen der österreichischen Sozialversicherungsträger. Er war maßgeblich am Aufbau diverser SAP-Communitys in Österreich beteiligt und bekleidet aktuell das Amt des stellvertretenden Chairmans der PSUG.A (Public Sector Usergroup Austria), welche alle SAP-Kunden der öffentlichen Hand vereint. Seit 2011 engagiert sich Walter Schinnerer als Sprecher der DSAG-Arbeitsgruppe CCC Service & Support in Österreich.

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