Die Herausforderungen für die Unternehmen in Pandemiezeiten liegen in einer besseren Inte­gration von Geschäftsprozessen, dem Umstieg auf S/4HANA und dem Miteinander von Cloud- und On-Premise-Lösungen: An Themen fehlt es Steffen Pietsch, DSAG-Technologievorstand, und Jürgen Müller, Chief Technology Officer und Mitglied des Vorstands der SAP SE, also nicht.

Steffen Pietsch, DSAG-Technologievorstand

Welche technologischen Veränderungen werden vor dem Hintergrund der Pandemie zunehmend wichtiger?

Steffen Pietsch: Unternehmen müssen bestehende Prozesse effizienter gestalten. Automatisierungstechniken sowie Künstliche Intelligenz können helfen, Potenzial, z. B. im Bereich Finanzen, zu heben. Außerdem müssen die analytischen Fähigkeiten ausgebaut werden, sodass Entscheidungen datenbasiert getroffen werden können. Darüber hinaus ist von den Unternehmen Flexibilität gefordert, um auf sich ändernde Rahmenbedingungen reagieren zu können. Einheitliche Bedienkonzepte helfen z. B., neue Anwendungen schnell zu adaptieren und zu technisch und semantisch durchgängigen, effizienten Prozessen zu gelangen sowie diese auch über Applikationsgrenzen hinweg anpassen zu können.

Wie hat sich SAP technologisch auf die neue Zeitrechnung unter COVID-19 eingestellt, bzw. was ist geplant?

Jürgen Müller: Mit der SAP Business Technology Platform bieten wir unseren Kunden ein solides Fundament, um auf Veränderungen mit Innovationen zu reagieren. Ein Beispiel: Ein Gesundheitsdienstleister sah sich zu Beginn der Pandemie mit einem erhöhten Bedarf an medizinischen Produkten konfrontiert und hat in einer Pilotlösung ein Dashboard entwickelt, um die Versorgung zu planen und den Bedarf vorherzusagen. Es nutzt basierend auf der Business Technology Platform und der SAP Analytics Cloud interne und externe Daten, wie z. B. Intensivbettenkapazitäten und aktuelle COVID-19-Fallzahlen, und prognostiziert die Nachfrage mit einem Machine-Learning-Algorithmus.

DSAG-Technologietage 2021

Mehr zu den virtuellen DSAG-Technologietagen 2021 gibt es unter: dsag.de/techtage

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Herr Müller, bei der DSAGLIVE hat SAP verkündet, beim Thema Integration seien 90 Prozent der Entwicklung für die Kernprozesse bis Ende 2020 abgeschlossen. Inwieweit lässt sich das belegen?

Müller: Um unseren Kunden eine nahtlos integrierte „Suite“ zu bieten, messen wir unsere „Suite-Qualities“: End-to-End-Process-Blueprints, Seamless User-Experience, Consistent Security-and-Identity-Management, Aligned Domain-Models, Embedded & Cross-Product-Analytics, Coordinated Lifecycle-Management und One-Workflow-Inbox. Für jedes dieser Kriterien messen wir in einem detaillierten Prozess den Umsetzungsgrad, der sich in einer Prozentzahl ausdrückt, die wir vor allem intern nutzen: Bei den End-to-End-Process-Blueprints sind wir z. B. mit der ersten Welle der Prozessdokumentationen fertig und haben diese im API Business Hub dokumentiert. Wir fügen aber kontinuierlich weitere Prozesse hinzu, auch für hybride Szenarien. Wir werden alle Suite-Qualities weiter ausbauen, wobei der klare Fokus auf Integration und einheitlicher Erweiterbarkeit liegt. Und für die hybride Integration steht S/4HANA On-Premise im Fokus.

Herr Pietsch, wie nehmen Sie die Fortschritte in der Entwicklung aktuell bei den Anwenderunternehmen bereits wahr?

Pietsch: Als sehr positiv nehme ich wahr, dass API nicht nur für Cloud-Produkte, sondern mittlerweile auch für S/4HANA-On-Premise-Lösungen verfügbar sind. Die End-to-End-Prozesse im API Business Hub schaffen Klarheit und Transparenz für den Bauplan von SAP. Mittlerweile sind 290 API für S/4­HANA On-Premise verfügbar, wo bis vor kurzem noch ein weißes Blatt war. Während diese Neuerungen im API Business Hub gut nachvollziehbar sind, fehlt die Klarheit bei anderen Suite-Qualities. Am Beispiel Seamless User-Experience empfehlen wir, die Änderungen für SAP-Kunden durch Vorher-Nachher-Vergleiche und eine gute Dokumentation auszuweisen. Zudem benötigen wir Planungssicherheit, ob und wie die Suite-Qualities auch für S/4HANA On-Premise verfügbar sein werden. Denn aktuell umfasst die Strategie ausschließlich Cloud-Lösungen.

Herr Müller, warum ist SAP aus Ihrer Sicht auf dem richtigen Weg?

Müller: Wir betonen schon lange, dass wir Innovationen zuerst in der Cloud vorantreiben – deshalb bezieht sich hier auch unsere Strategie vor allem auf die Cloud. Gerade bei S/4HANA finden hier alle Entwicklungen gemeinsam statt, sodass auch die On-Premise- und Hybrid-Kunden zügig in den Genuss umsetzbarer Verbesserungen kommen werden.

Steffen Pietsch

Steffen Pietsch ist seit Oktober 2018 DSAG-Vorstand Technologie. Von 2009 bis Dezember 2018 war er Sprecher des Arbeitskreises Development. Hauptberuflich verantwortet er bei der Haufe-Lexware Services GmbH & Co. KG den Bereich Business Applications.

Herr Pietsch, worin bestehen für Sie die Herausforderungen bei der Datenverarbeitung in der Cloud?

Pietsch: Eine zentrale Herausforderung liegt im Datenschutz. Die Sicherstellung der gesetzeskonformen Verarbeitung personenbezogener Daten ist eine echte Herausforderung. Das Kippen des EU-US-Privacy-Shield sorgt für weitere Verunsicherung. Zudem führen die Integration von Cloud-Lösungen untereinander und hybride Systemlandschaften zu mehr Komplexität. In punkto Sicherheit gilt in der Cloud das Shared-Responsibility-Prinzip, wobei Anbieter und Kunde jeweils für bestimmte Sicherheitsaspekte verantwortlich sind. Das muss vorbereitet und umgesetzt werden. Bei den Kosten sind Prognosen sowie das laufende Management in der Cloud viel komplexer als in einer On-Premise-Landschaft. Und schließlich schafft die Cloud neue Abhängigkeiten, u. a. bei Release-Wechseln, Patches und dem Software-Lifecycle.

Jürgen Müller
Jürgen Müller, Chief Technology Officer und Mitglied des Vorstands der SAP SE

Herr Müller, inwieweit hat SAP die angesprochenen Punkte bereits erfüllt?

Müller: Wir begrüßen die Auswirkungen des sogenannten „Schrems II-Urteils“, da es nicht nur den Datenschutz und die Privatsphäre stärkt, sondern auch bestätigt, dass internationale Datentransfers zulässig sind. So können wir unsere Dienstleistungen weiterhin auf Grundlage der bestehenden Vertragsbeziehungen mit unseren Kunden erbringen. In den Fällen, in denen sich einige unserer erworbenen Unternehmen bei der Betreuung ihrer Kunden auf den EU-US-Privacy-Shield verlassen haben, müssen die Vertragsbeziehungen überprüft werden. Wir sind bereit, alle Kundenverträge, die noch auf dem EU-US-Privacy-Shield basieren, an den SAP-Standard anzupassen. Im Übrigen überwiegen in unserer Cloud-Strategie die Vorteile bei Sicherheit und Datenschutz deutlich.

Herr Pietsch, S/4HANA-Projekte werden laut einer DSAG-Umfrage von 50 Prozent der Befragten beschleunigt bzw. konsequent weiterverfolgt. Warum ist das für viele Unternehmen ein Kraftakt?

Pietsch: Die Umstellung auf S/4HANA ist aufwendiger als ein regulärer Release-Wechsel und mit zusätzlichen Aspekten versehen. Dazu zählen die Custom-Code-Konvertierung, die Umstellung auf den Business Partner, der Abgleich verfügbarer Funktionalität zwischen ERP und S/4HANA und vieles mehr. Zudem führen die Anpassungen von Datenmodellen zu Änderungen in Schnittstellen und Umsystemen. Des Weiteren müssen veränderte Abläufe im Unternehmen verankert und Mitarbeitende im Fachbereich und in der IT qualifiziert werden.

Herr Müller, wie unterstützt SAP die Unternehmen, die ihre S/4HANA-Projekte konsequent zu Ende bringen wollen?

Müller: Mit unserem S/4HANA-Movement-Programm setzen wir auf Implementierungs-Prozess-Automatisierung und Beschleunigung der S/4HANA-Projekte. Damit helfen wir unseren Kunden und Partnern, die richtigen Werkzeuge und Services zur Unterstützung des kompletten Projektlebenszyklus zu finden. Beispiele für die sogenannten Smart Tools sind: Readiness Check 2.0 für intelligente Diagnose, Integration Content Advisor für Interface-Management oder die Solution Manager Retrofit Configuration Objektmigration.

Christian Klein hat angekündigt, Künstliche Intelligenz werde vermehrt bei den Business-Prozessen zum Einsatz kommen. Wie beurteilen Sie diese Ankündigung?

Pietsch: Ich begrüße diese Stoßrichtung und sehe hier für die Kunden ein großes Potenzial bzw. für SAP weitere Möglichkeiten, ihre Position im Wettbewerb zu stärken und zu differenzieren. Entscheidend werden einfach zu konsumierende Lösungen sein. Das gilt für die technischen Voraussetzungen und kaufmännischen Aspekte gleichermaßen.

Herr Müller, was ist von SAP konkret im Bereich Künstliche Intelligenz geplant?

Müller: Ein Kernbestandteil unserer Strategie ist, vermehrt Künstliche Intelligenz in SAP-Applikationen einzubetten und zu verwenden. Durch unser breites Produktportfolio, den potenziellen Datenzugriff und die tiefe Line-of-Business-Expertise haben wir breite Anwendungsmöglichkeiten. Standardmäßig eingebettet ist bereits eine Reihe von KI-Anwendungen – z. B. im Lead-to-Cash-Prozess, wo es die Vorhersage der Conversion-Rates Vertriebsmitarbeitenden ermöglicht, sich auf die besten Chancen zu fokussieren.

2021 werden neue KI-Anwendungen verfügbar sein, wie der Carreer-Explorer in SuccessFactors. Er zeigt persönlich passende Karriereoptionen auf, die aufgrund der Karrierepfade anderer in Betracht gezogen werden sollten. Und bei ByDesign wird es möglich sein, Geschäftsdokumente aus unstrukturierten E-Mails zu extrahieren. Dies zeigt, dass auch kleine und mittlere Unternehmen die KI von SAP sinnvoll nutzen können.

Jürgen Müller

Jürgen Müller ist seit 2013 in SAP-Führungspositionen tätig. Er ist Mitglied des Vorstands der SAP SE und leitet den Bereich Technologie und Innovation. Als Chief Technology Officer (CTO) ist er für die gesamte Plattform- und Technologieentwicklung verantwortlich.

One-SAP und Simplifizierung sind zentrale Schlagworte. Die Portfolio-Strategien von SAP führen jedoch zu mehr Komplexität. Wo sehen Sie dafür die Gründe?

Pietsch: Innovation und Weiterentwicklung sind Fluch und Segen zugleich. Stand heute lässt sich z. B. S/4HANA auf unterschiedlichste Arten erweitern. Allein bei Verwendung der SAP Cloud Platform im Side-by-Side-Ansatz sind mehrere Technologien für die Entwicklung einsetzbar. Die Kunden müssen entscheiden, für welchen Anwendungsfall welche Erweiterungstechnologie die richtige ist. Dies erfordert neben hoher Qualifikation von Architekten und Entwicklern eine gute Dokumentation und einfach auffindbare Handlungsempfehlungen. Nur dann können die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Darüber hinaus ist SAP gefordert, die Investitionen ihrer Kunden zu schützen, sodass die Technologieauswahl aufgrund unerwarteter Strategiewechsel nicht zur „Lotterie“ wird.

Herr Müller, wie will SAP diesen „Trend“ zu mehr Komplexität umkehren?

Müller: Unser Portfolio sieht komplexer aus, weil wir den Side-by-Side-Ansatz anbieten, aber die einzelnen Systeme werden deutlich einfacher zu handhaben sein als früher und können als Cloud-Lösung schnell und komfortabel von SAP gewartet werden.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Bildnachweis: DSAG, SAP SE, Schaller & Partner + shutterstock

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